Wer ist Jago?

von Burkhard Schmiester

Jago ist nicht das Böse, das es einfach gibt, dieses Natur-Böse ist einfach eine Fabel, ist der Antichrist, der Werwolf oder ein Vampir. Jago ist böse oder er entscheidet sich für das Böse (das also jenseits von ihm und eine Alternative zu etwas anderem ist) aus „guten“ Gründen. Diese Gründe zu suchen ist Aufgabe der Rolle, sie mit unserer Realität zu korrelieren, die der Regie.

Das Motiv für eine unmoralische Handung mag in der Erziehung liegen, in den Beschädigungen aufgrund der Konfrontationen, die in der Gesellschaft geschehen, es ist aber nicht a priori und (wie die sich häufenden Intimizide aufgrund einer im Sosein defizitär sich entwickelnden Persönlichkeitsstruktur) so wenig von den Daseinsbedingungen loszulösen, wie dieses Dasein als Trigger für die Deformationen begriffen werden muss.

Veröffentlicht unter Uncategorized | 2 Kommentare

Wie ein Boxring

von Burkhard Schmiester

Die Bühne ist weit und schwarz, mit schwarzen Rahmen überhängt. Links und rechts aber hängen weiße Stoffbahnen, die für Projektionen oder um Personen auf Schattenrisse zu reduzieren. Aus der Tiefe des Raums, aus den Schattenbereichen der Leere sind Auftritte denkbar, Abgänge ins Unbestimmte: Schemen visualisieren sich oder bleiben zurück, verharren, kommen wieder, werden ab- und aufgerufen erobern sich ihren Platz im Licht, das in der Mitte dieser Leere auf ein Viereck fällt, bedeckt mit vielen Kissen, überdeckt mit einem schwarzen Tuch: unsicher ist diese Fläche, Stolperfalle, Bett oder sandiger Boden, von Scheinwerfern gleißend überstrahlt, wie ein Boxring.

Ein Boxring oder die Einsamkeit einer Wüsteninsel: Kampf und Isolation sind die Assoziationen, schweres Gelände – und ist es ein Bett, ist die Assoziation Leidenschaft und Lust, aber auch Erschöpfung und Tod. Flashbacks verweisen auf einen Mordfall, unmittelbar unterbrochen von den Kommentaren der Beteiligten.

Pur und nackt zeigen sich im leeren Raum individuelle Begehrlichkeiten: des einzelnen Leidenschaft, des anderen Wille, die Charaktere präsentieren sich in unverhüllter Eitelkeit, in erschreckender Bedrängnis und Not oder in ihrem hybriden Streben zur Macht – monströs überzeichnet als pathologische Studie, dokumentiert als expressive Skizze gesellschaftlichen Fehlverhaltens, den drei Stellvertretern aufgepresst als Bürde, unter der sie ächzen und stöhnen, mit angespannten, verkrampften, verzerrten Körpern, selbst in ihrer obsessiven Lust.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Wer ist Jago?

von Gerd Buurmann

Es geht doch nichts über einen Regisseuren, mit dem man sich nicht nur streiten, sondern der einem sogar noch etwas beibringen kann. Burkhard Schmiester hat im Kommentarbereich unter dem Artikel “In uns selber liegt’s” folgende wahre Worte geschrieben, für die ich sehr dankbar bin:

“Jago ist nicht das Böse, das es einfach gibt, dieses Natur-Böse ist einfach eine Fabel, ist der Antichrist, der Werwolf oder ein Vampir. Jago ist böse oder er entscheidet sich für das Böse (das also jenseits von ihm und eine Alternative zu etwas anderem ist) aus „guten“ Gründen. Diese Gründe zu suchen ist Aufgabe der Rolle, sie mit unserer Realität zu korrelieren, die der Regie.

Das Motiv für eine umoralische Handung mag in der Erziehung liegen, in den Beschädigungen aufgrund der Konfrontationen, die in Gesellschaft geschehen, es ist aber nicht apriori und (wie die sich häufenden Intimizide aufgrund einer im Sosein defizitär sich entwickelnden Persönlichkeitsstruktur) so wenig von den Daseinsbedingungen loszulösen, wie dieses Dasein als Trigger für die Deformationen begriffen werden muss.”

Burkhard Schmiester hat natürlich vollkommen recht. Jago ist nicht das Böse, er entscheidet sich für das Böse. Wäre Jago das Böse an-sich, also unfähig zum Guten, dann wäre dies ja genau das Gegenteil von dem, was ich in diesem Artikel erörtert habe. Ich argumentiere mit dem freien Willen! Ich sage, dass Jago zu jeder Zeit die Möglichkeit hat, sich für das Gute zu entscheiden, denn er hat einen freien Willen! Er tut es nur nicht.

Die unbedingte Notwendigkeit für einen freien Willen ist die Möglichkeit der Wahl! Ein Mensch, der nicht lügen kann, kann sich nicht mit freiem Willen für die Wahrheit entscheiden, er muss die Wahrheit sagen. Ein Mensch, der keine Gewalt anwenden kann, kann sich nicht dafür entscheiden, Pazifist zu sein, er muss gewaltlos handeln. Ein Mensch, der nicht betrügen kann, kann keine Treue schwören, er ist treu; er kann nicht anders!

Jago muss die Möglichkeit zum Guten haben, sonst wäre er nicht frei. Das bedeutet also, dass es Erklärungen geben muss. Gäbe es keine Erklärungen, so gäbe es auch nichts zu ändern und Jago wäre zur Bosheit verurteilt. Das ist er jedoch gerade nicht! Er kann sich ändern! Dafür muss er sich jedoch erst erkennen. Er muss sich erklären können.

Es gibt wahrlich eine Menge Erklärungen für Jagos Handeln: sein Neid auf Othello, seine beschnittene Karriere, seine untreue Frau. Das Spannende ist jedoch, dass Jago all diese Gründe selber angibt. Im Gegensatz zu Othello, der sich der Gründe seiner Handlungen nicht klar ist, weil er von Jago getäuscht und verführt wird, ist sich Jago der Gründe und Erklärungen seines Handelns sehr bewußt. Er artikuliert sie auf klare und deutliche Weise.

Nun frage ich mich, ganz hypothetisch, ist es möglich, dass Jago uns genauso täuscht wie er Othello und Desdemona täuscht? Mit anderen Worten: Gibt er uns vielleicht genau das, was wir hören wollen? Führt er auch uns an der Nase herum, schön wie den Esel um das Heu seines Herrn? Bei Jagos Aufzählung der Gründe für sein Handeln nennt er die Gesellschaft, die Politik, die Erziehung, die Liebe, ganz so, als wäre der einzige, der nichts dafür kann, was in Vendedig passiert ist, Jago selbst ist, der gut gelaunt seine bösen Taten vollbringt.

Ich behaupte somit nicht, dass es keine Erklärungen gibt, denn wenn wir nicht mehr in den logischen Kategorien der Ursache und Wirkung denken, können wir uns gleich einsargen lassen, aber oft versuchen wir uns die Furcht vor Menschen, die abgrundtief böse Dinge tun, dadurch zu nehmen, indem wir behaupten, sie zu verstehen und erklären zu können. Was aber, wenn unsere konkreten Erklärungen manchmal nichts als eine Flucht sind? Manche Erklärungen sind leider oft wirklich nichts anderes als verzweifelte Versuche, einem Menschen, der bösen Taten vollführt, Ketten anzulegen. Nicht selten geben wir uns mit allzu leichten Erklärungen ab, nur weil wir hoffen, so Macht über jene Menschen zu bekommen, die uns eine Heidenangst einflößen.

Eugen Sorg schreibt nun in seinem Buch “Die Lust am Bösen”: “Die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren (…) Hinter dem Bösen steckt keine Pathologie, keine Verzweiflung, keine Rache für erlittenes Unrecht. Hinter ihm steht nichts anderes als die Entscheidung, Böses zu tun.”

Was also, wenn Jago uns allen einen Schritt voraus ist? Was, wenn er uns mit all seinen Erklärungen genau das gibt, was wir hören wollen, nur damit er dann umso ungehemmter handeln kann? Mit Othello macht er es so, mit Desdemona und Cassio ebenfalls. Warum sollte er es nicht auch mit uns so tun? Diese Möglichkeit, diese Ahnung, diese Furcht, dieser Rumor nagt unaufhörlich an mir und diese Möglichkeit nicht vollkommen zu zerstören, sondern als Rumor vibrieren zu lassen, macht für mich den Reiz von Jago aus.

Lange Rede, kurzer Sinn: Natürlich gibt es Erklärungen für Jagos Handeln! Allerdings liefert uns Jago die Erklärungen für sein Handeln selbst. Warum sollten wir ihm vertrauen? Jago ist ein verflucht komplexer Charakter. Er ist ein Mensch! Er ist nicht das Böse. Er besitzt den freien Willen, um sich für das Gute zu entscheiden. Er macht es nur nicht. Warum?

Warum? Genau diese Frage muss gestellt werden, immer wieder. Eine Antwort muss gesucht werden, aber niemals wird der Zweifel getilgt. Mit Jago hat Shakespeare einen Bösewicht geschaffen, an dem sich vermutlich noch Generationen nach uns abarbeiten werden. Das macht seine Faszination aus und das ist auch der Grund, warum wir ihn heute, im 21. Jahrhundert, noch spielen (ab Januar 2012 im Metropol Theater).

Wir fragen also weiter: Warum? Erklärungen gibt es nämlich, den Zweifel allerdings auch!

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Die Lust am Bösen

von Henryk M. Broder
(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Wenn Sie mal wieder eine Party besuchen, an der vor allem die Angehörigen der gebildeten Stände teilnehmen, dann machen Sie bitte einen Selbstversuch. In dem Moment, da die Rede auf die Ungerechtigkeit in der Welt kommt, die immer größer werdende Kluft zwischen den Armen und den Reichen, die Zustände in Afrika und die Lage der Migranten in Europa, dann sagen Sie einfach: “Das alles hat sozio-ökonomische Ursachen.” Man wird Ihnen zustimmen, ohne zu fragen, wie Sie es meinen.

Dann warten Sie ein paar Minuten, bis der nächste Punkt dran ist: der Terrorismus und die Motive der Terroristen. Jetzt könnten Sie wieder punkten und den Satz von vorhin wiederholen. Tun Sie es nicht. Sagen Sie stattdessen: “Die haben keine Motive, die haben nur Spaß am Morden.” Das Gespräch wird verstummen, es wird so still im Raum, dass Sie Ihr eigenes Herz und das Klirren der Eiswürfel in den Chivas-Regal-Gläsern werden hören können. Und das ist der Moment, in dem sie das Buch “Die Lust am Bösen – Warum Gewalt nicht heilbar ist” von Eugen Sorg gelesen haben sollten.

Sorg war lange Jahre im Ausland unterwegs, auf dem Balkan, in Afrika und in Asien. Es gibt kaum einen Krisenort, den er nicht besucht hätte, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum Menschen, die gestern noch friedlich zusammen lebten, heute übereinander herfallen und sich dabei wohl fühlen, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, das Haus des Nachbarn abzubrennen, seine Frau zu vergewaltigen, ihn erst zu demütigen und dann zu erschlagen. Die konventionelle Erklärung für so ein Verhalten verweist auf historische Ereignisse, wie die Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo im Jahre 1389, die bis in die Gegenwart nachwirkt, mit deren Ausgang sich die Nachfahren der Kombattanten von damals bis heute nicht abgefunden haben.

Unsinn, sagt Sorg, “die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren”. Sie stehlen und morden, nicht um alte Rechnungen zu begleichen, sondern sie nutzen die Gelegenheit, um sich auszutoben und dabei zu bereichern. “Die Enzyklopädie der menschlichen Grausamkeit” ist ein Buch, das laufend auf den letzten Stand gebracht wird. In einem bosnischen Lager traf Sorg Gefangene, die “in den Pausen zwischen den Prügelorgien in Frauenkleidern für ihre Peiniger tanzen mussten”; aber das war noch ein harmloser Zeitvertrieb verglichen mit der mörderischen Routine der Hutus in Ruanda, die in nur drei Monaten etwa eine Million Tutsi abschlachteten. “Um sechs Uhr stand man auf, nahm ein herzhaftes Frühstück zu sich, ging zum lokalen Versammlungsplatz und machte sich auf die Jagd nach den ‘Kalerlaken’… Um 16 Uhr signalisierte ein Pfiff der Trillerpfefie den Feierabend, und auf dem Heimweg plünderten sie die Häuser der Getöteten, um sich danach das Blut und den Dreck abzuwaschen und ausgiebig zu essen und zu trinken”, um am nächsten Arbeitstag wieder fit zu sein.

Als das ganze Ausmass des Völkermords in Europa bekannt wurde, reagierten die Afrikakenner so, wie sie immer reagieren, wenn Schwarze andere Schwarze umbringen, sie gaben “den Weissen die Schuld”, den Belgiern, die das Land 40 Jahre regiert hatten, den Schweizern, die ihre “Kardinaltugenden” in die “Schweiz Afrikas” exportiert hatten. Die einzigen, die nichts dafür konnten, was in Ruanda passierte, waren die Täter, die gut gelaunt ihre Taten vollbrachten. In Mogadischu traf Sorg freischaffende Banditen, “die auf eigene Faust Whisky, Khat und Sex” eintrieben und Milizionäre, die für ihre Clans Straßenzölle erhoben. “Alle waren der Meinung, Mogadischu sei ein sehr guter Ort zum Leben. Anders als in Europa, seien sie frei und könnten tun, was sie wollten.”

Die Menschen, sagt Sorg, entscheiden sich für das Böse, weil es mit Vorteilen verbunden ist. Hitler z.B. machte den Deutschen “ein Angebot”, dem sie nicht widerstehen konnten: “Er versprach einen gedeckten Tisch, Sicherheit und Ordnung, die Genugtuung der Rache…, ein reines Gewissen beim Töten”. Als Gegenleistung verlangte er “die totale Kontrolle über ihre Gedanken und ihr Leben”. Millionen waren bereit, den Preis zu zahlen, “sie gingen den Vertrag ein, freiwillig, wissend, ahnend, und sie wurden mitschuldig an einem der größten Verbrechen der Geschichte”.

Mit solchen Thesen bringt Sorg die Debatte um die Natur des Menschen auf den Boden der Realität zurück, nachdem sie viel zu lange im Puppenhaus der Gesellschaftswissenschaften geführt wurde. Er unterscheidet nicht zwischen Führern und Verführten wie es Theologen, Soziologen und Psychologen tun, er diagnostiziert “die Lust am Kampf an sich, die Freude an der Zerstörung, am verheerenden Racheschlag, am gelungenen Beutezug”, eine Mixtur, die nicht nur die somalischen Räuber beflügelt. Denn: “Hinter dem Bösen steckt keine Pathologie, keine Verzweiflung, keine Rache für erlittenes Unrecht. Hinter ihm steht nichts anderes als die Entscheidung, Böses zu tun.”

Eugen Sorg wird für dieses Buch Prügel bekommen. Vor allem von den Predigern der Friedfertigkeit, die nicht aus dem Kartenhaus ihrer Illusionen vertrieben werden möchten.

© Weltwoche 10/2011

Eugen Sorg – Die Lust am Bösen
Warum Gewalt nicht heilbar ist
Nagel & Kimche. 154 Seiten

Veröffentlicht unter Uncategorized | 2 Kommentare

In uns selber liegt’s

von Gerd Buurmann

Wen machen wir nicht alles verantwortlich, wenn wir mit bösen Taten konfrontiert werden: die Gesellschaft, die Eltern, die Politik, die Umstände? Wir sind uns alle so verdammt sicher, dass alles nur eine Frage der Erziehung ist. Aber was, wenn es doch ganz anders ist? Was, wenn es das Böse einfach gibt?

Diese Fragen stelle ich mir jedes Mal, wenn ich wieder die Ehre habe, einen Shakespear’schen Bösewicht zu spielen. Diesmal ist es Jago aus Shakespeares Drama “Othello” und es scheint, als würde mir Shakespeare mit dieser Rolle eine Antwort auf meine Fragen zuflüstern: “Ja, es gibt das Böse; aber es verführt uns nicht, wir entscheiden uns dazu!”

Bei Shakespeare klingt es freilich schöner – aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare wenn er die wahren Worte nicht aus dem Munde eines Bösewichtes kommen ließe. Jago sagt:

“In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.
Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner,
so daß, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen,
Tomaten aufziehn oder Thymian ausjäten,
ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen
oder mit mancherlei Gewächs aussaugen,
ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten
- das Vermögen dazu und die bessernde Macht
liegt durchaus in unserm freien Willen.
Hätte der Waagbalken unsres Lebens nicht eine Schale von Vernunft,
um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen,
so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe
uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen;
aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften,
die fleischlichen Triebe,
die zügellosen Lüste zu kühlen.”

Auch wenn es schwer fällt, einem Bösewicht zuzustimmen, aber: Ja, so ist es! Was auch immer einem Menschen widerfährt, welche ganz persönlichen Schicksalsschläge er auch immer zu verkraften hat, der Grund für alle seine Entscheidungen, mögen es nun gute oder schlechte sein, liegt einzig und allein in seinem freien Willen. Othello selbst ist ein gutes Beispiel dafür.

Obwohl Othello als afrikanischer Mann in der venezianischen Gesellschaft nur allzugut wissen sollte, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein und obwohl er die Ketten der Sklaverei zu spüren bekam, ist er selbst nicht frei von Intoleranz und Rassismus. Othello brüstet sich damit in Aleppo einen Türken erstochen zu haben und wenn sich seine Untergeben mal nicht nach seinem Sinne benehmen, dann ruft er abwertend: “Sind wir denn Türken?” Jammern aber kann Othello. Jedesmal, wenn ihm Unrecht geschieht, dann platzt es aus ihm raus: “Weil ich schwarz bin?”

Ja, Othello, weil Du schwarz bist, wirst Du schlecht behandelt und diskriminiert. Das ist schlimm, sehr schlimm. Dein Anderssein ist die Entschuldigung der Xenophoben und Rassisten für ihren Hass. Aber was ist Deine Entschuldigung, wenn Du einen Türken diskriminierst und tötest? Er ist Türke! Was ist Deine Entschuldigung, wenn Du Desdemona erstickst? Sie ist eine Frau!

Weißt Du, was Yoko Ono und John Lennon mal geschrieben haben? Natürlich nicht, sie waren noch nicht geboren, als Du tötetest, aber im Frühjahr 2012 wirst Du auf die Bühne des Metropol Theaters in Köln zurück kehren. Daher lass mich hier nun das Liebespaar zitieren: “Woman is the Nigger of the World!”

Othollo, Du bist zwar der Mohr von Venedig, aber Desdemona ist der Mohr der Welt. Und? Läßt sich Desdemona deshalb moralisch gehen? Nutzt sie ihr Schicksal und ihr Leid als Erklärungs- und Entschuldigungsmatrize für Zorn und Rache? Nein! Desdemona entscheidet sich trotz all ihrer Erfahrungen für das Gute! Shakespeare beschreibt die Tugend Desdemonas mit folgenden Worten und wieder einmal legt er sie dem Bösewicht Jago in den Mund:

“Die immer schön, doch nicht dem Stolz vertraut,
Von Zunge flink, doch niemals sprach zu laut;
Nicht arm an Gold, nie bunten Schmuck sich gönnte,
Den Wunsch erstickt und dennoch weiß: »ich könnte!«;
Die selbst im Zorn, wenn Rache nah zur Hand,
Die Kränkung trägt und ihren Groll verbannt;
Die nie von Überwitz sich läßt berauschen,
Für derben Salm den Gründling einzutauschen;
Sie, die viel denkt, die Neigung doch verschweigt,
Und keinen Blick dem Schwarm der Werber zeigt;
Die nennt’ ich gut, – wär’ sie nur aufzutreiben, –”

Burkhard Schmiester, obwohl kein Bösewicht sondern Regisseur der Kölner Inszenierung, in der ich die Ehre habe, den Jago zu spielen, beschreibt Desdemona wie folgt: “Desdemona ist liebenswert und sie will es sein, aller Welt gegenüber: aus der Heiterkeit ihres Temperaments heraus und aus dem internalisierten Anspruch auf Liebe. Empathisch hängt sie am Menschen, sie mag sich der Vitalität eines jeden Lebens hingeben. Und sie will Gutes erschaffen.”

Wie recht er hat. Desdemona will Gutes schaffen, obwohl sie Opfer des Sexismus’ ist. Othello jedoch schafft Schlechtes! So wenig aber wie Desdemona vom Sexismus zum Schlechten verführt wurde, wurde Othello durch den Rassismus zum Bösen verführt. Es gibt für seine Taten nur einen Grund: Er hat sich dazu entschieden – wenn auch in tobender Eifersucht – aber er hat sich entschieden; oder, um es mit den Worten Jagos zu sagen:

“In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.”

Erinnert sich noch jemand an Nojoud Ali? Vermutlich nicht!

Nojoud Ali ist eine Heldin in Kindergestalt! Sie wurde als Kind im Jemen zwangsverheiratet, entführt, mehrfach vergewaltigt und ausgebeutet. Das Leben dieses Mädchens wurde in unvorstellbarer Weise geschändet! Sie lebt noch heute in Armut und ist in ihrer Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Der Reisepass wurde ihr entzogen und eine Teilnahme am Women’s World Awards 2009, der ihr verliehen wurde, wurde ihr verwehrt. Die einzige Einkommensquelle der 19-köpfigen Familie Nojoud Alis ist die Bettelei.

Und, was macht Nojoud Ali? Zusammen mit der Rechtsanwältin Shada Nasser setzt sie sich dafür ein, dass Mädchen vor Zwangsheirat bewahrt werden.

Erinnert sich noch wer an Tim Kretschmer? Vermutlich schon.

Tim Kretschmer war Schüler an der Albertville-Realschule und schloß dort mit der Mittleren Reife ab. Sein Vater war Sportschütze und besaß 15. Im Alter von 17 Jahren wurde er als Amokläufer und Mörder von Winnenden bekannt.

Was immer als Erklärung für seine Tat herangeführt wird, eins kann nicht geleugnet werden: Nojoud Ali ist nicht Amok gelaufen! Das gleiche gilt für Othello. Was immer auch als Erklärung für seine Rache herangeführt werden mag, Desdemona hat nicht gemordet!

Und was ist Jago Entschuldigung? Jago, der Bösewicht, der Othello in die Eifersucht und Desdemona ins Verderben getrieben hat, erklärt sich selbst:

“Ich dien’ ihm, um mir’s einzubringen; wir können
Nicht alle Herrn sein, nicht kann jeder Herr
Getreue Diener haben. Seht Ihr doch
So manchen pflicht’gen, kniegebeugten Schuft,
Der, ganz verliebt in seine Sklavenfessel,
Ausharrt, recht wie die Esel seines Herrn,
Ums Heu, und wird im Alter fortgejagt. –
Peitscht mir solch redlich Volk! Dann gibt es andre,
Die, ausstaffiert mit Blick und Form der Demut,
Ein Herz bewahren, das nur sich bedenkt;
Die nur Scheindienste liefern ihren Obern,
Durch sie gedeihn und, wann ihr Pelz gefüttert,
Sich selbst Gebieter sind. Die Burschen haben Witz,
Und dieser Zunft zu folgen ist mein Stolz.”

Jago weiß, dass es keine andere Erklärung und Entschuldigung für menschliche Taten gibt, als der freie Wille. Jago fühlt sich seiner Karriere betrogen und rächt sich nun, ganz vernünftig, und ganz böse. Wenn man Othello etwas zu Gute halten will, dann, dass seine Vernunft vom Zorn benebelt wurde. Mit etwas gutem Willem kann Othello eine Unzurechnungsfähigkeit attestiert werden, aber Jago, der handelt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Er hat sich voll und ganz und bewußt für das Böse entschieden. Burkhard Schmiester schreibt:

“Durch Othello fühlt Jago sich zu Unrecht an seiner Karriere gehindert. Seine Wut darüber aber steht hinter der Taktik zurück, seine Emotion hinter der Strategie: sein Wille zur Rache gibt ihm die Motivation zu einem lustvoll-üppigen Spiel mit des anderen Wohl und Wehe – Jago ist ein leidenschaftlicher Ausbeuter auch misslichster Lebensumstände.”

Jago ist einfach ein faszinierender Bösewicht. Das Böse fasziniert. Leider. Leider. Und diesen Jago darf ich nun spielen. Ich freue mich drauf! Wir sehen uns im Metropol Theater.

“Ja, hier liegt’s, noch nicht entfaltet; die Bosheit wird durch Tat erst ganz gestaltet.”

Veröffentlicht unter Uncategorized | 14 Kommentare

Das Leben ist ein Märchen …

… erzählt von einem Idioten,
voller Klang und Wut
und es bedeutet: Nichts!

Das sind die Worte des schottischen Königs Macbeth, die ich im Frühjahr 2012 wieder sprechen werde.

Als Kind habe ich nachts oft an meinem Kinderzimmerfenster gestanden und habe solange in den Himmel gestarrt, bis alles ganz unscharf wurde. Wenn ich dann noch meine Augen ein wenig zusammenkniff, fingen die Sterne plötzlich an zu tanzen. Irgendwann kam die Angst. Die Angst, hinauf gezogen zu werden, hinein zu fallen. Ich fing an, mich zu fragen, was dahinter ist. Ich hab dann einfach viel gelesen. Hawking, Einstein, die Wein- und Heisenbergs, die ganzen Bergs halt. Sie machten sich Gedanken, diskutierten über das Universum und die Beschaffenheit von Zeit. Einstein hat mal behauptet, Gott würfelt nicht. Aber ich glaube, dass er nicht nur würfelt, sondern auch noch bescheißt. Und was machen wir? Wir schaffen Theorien und freuen uns, dass in der Zeit in der wir leben, atmen, fressen und scheißen, die Theorie nicht widerlegt wurde. Aber irgendwann wird sie widerlegt. Glaub mir, jede Theorie wird irgendwann widerlegt. Sie muss widerlegt werden können, sonst ist sie gar nichts wert! Auch ich werde irgendwann widerlegt werden. Und bis es soweit ist, schaue ich einfach in den Himmel und habe Angst davor, hinaufgezogen zu werden, hineinzufallen. Ich will nicht sterben.

Lange Zeit dachte ich, ich hätte so unglaubliche Angst vor dem Tod, weil ich keine Ahnung hatte, was danach kommt. Aber jetzt weiß ich, dass ich diese Angst habe, weil ich genau weiß, was dahinter ist. Da brauchen wir uns doch alle nichts vorzumachen. Wir wissen alle hundertprozentig genau, was nach dem Tod kommt. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten, ganz logisch betrachtet: das Nichts oder die Ewigkeit. Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten: Nicht mehr sein – oder für immer. Für immer! Für immer? In zehn Jahren werden wir darüber lachen. Für immer. Ich war zwölf, höchstens dreizehn, als ich zum ersten Mal versuchte, die Unendlichkeit zu sehen; war so eine fixe Idee von mir. Im Schlafzimmer meiner Eltern standen damals zwei Spiegel, so zwei richtig große. Einer für Vati und einer für Mutti. Ich stellte sie einander gegenüber und schon war sie da: die Unendlichkeit. Ich musste nur noch nachsehen. Ich stellte mich also zwischen die beiden Spiegel und sah …

Was hatte ich denn auch erwartet? Die Unendlichkeit war natürlich hinter meinem Rücken. Du bist aber auch blöd! Ich war zwar noch ein Kind, aber die Unendlichkeit war kleiner. Sie ist immer kleiner.

Genau in dieser Erkenntnis setzt die Inszenierung von Burkhard Schmiester an. Bei seinem „Macbeth“ tritt der Horror nicht mit großem Getöse auf, kein behelmter Krieger übt mehr den Aufstand gegen seinen Landes- und Lehnsherrn. Nein, bei Burkhard Schmiester ist alles kleiner!

In den privaten Lücken verbirgt sich bei ihm der Abgrund. Seine Lady Macbeth spielt ihren Ehemann subversiv gegen ihren Geliebten aus und plötzlich hängt das Schicksal eines Staates, ja der ganzen Welt, am Zipfel der Lust.

Zwischen Klo und Schlafzimmer spielt sich plötzlich der Kampf um Macht und Krone ab, so brutal, dass am Ende alles dabei drauf geht, die ganze Zivilisation, bis nur noch eine Sache zurück bleibt: Der Horror! Der Horror!

Selbst Gott kann sich in Schmiesters Inszenierung nicht mehr retten. Gott geht drauf, ermordet von Macbeth, der mit der Dornenkrone in der Hand plötzlich vor einer Welt ohne Gott steht:

Der König, unser Herr ist tot! Weder Messer noch Gift noch Strick. Es ist schon geschehen, verstehst du? Und wir sind für immer zusammen, ist das nicht komisch! Für immer!

Veröffentlicht unter Uncategorized | 1 Kommentar

Ballade der Lady M.

von Burkhard Schmiester

Es war mal eine Lady aus dem Schottenreich,
die hatte keinen Namen, aber war sehr reich,
sie gehörte dem Macbeth, den kennt jedes Kind,
doch sie war nicht zufrieden,
sie grämte sich hienieden,
denn ihr Mac war kaum zuhause, machte ihr kein Kind.

Da warf sie ein gierig Auge auf den Freund des Mac,
der hieß Banco und sie nahm den ihrem Manne weg;
dem Mac macht sie Hoffnung auf die Königskron‘,
sie selber wollte News erleben,
im Bett mit Banco geil erbeben -
verhaftet würde des Königs Killer, der Galgen wär sein Lohn.

So wollte sie sich des Lebens erfreun,
fände dieser oder jener das auch gemein,
sie nutzte ihres Mannes Gier nach Ruhm,
der badet im Königsblut,
der erntet des Volkes Wut,
sie sah dem zu, musste nichts mehr tun.

Doch als Macbeth dann König geworden,
ahnte er, was ihm sein Weib geboren,
und aufbegehrend gegen Bosheit und Intrige,
des Waldes Grauen trotzend,
gegen das Schicksal motzend,
sucht im letzten Kampfe er der Götter Liebe.

Doch er fiel hin,
hatte kein Gewinn,
die Kron‘ musst er doch geben.

Die Lady spricht den Epilog,
mit Banco wird sie leben –
Macbeth, Macbeth ist leider tot.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar