In uns selber liegt’s

von Gerd Buurmann

Wen machen wir nicht alles verantwortlich, wenn wir mit bösen Taten konfrontiert werden: die Gesellschaft, die Eltern, die Politik, die Umstände? Wir sind uns alle so verdammt sicher, dass alles nur eine Frage der Erziehung ist. Aber was, wenn es doch ganz anders ist? Was, wenn es das Böse einfach gibt?

Diese Fragen stelle ich mir jedes Mal, wenn ich wieder die Ehre habe, einen Shakespear’schen Bösewicht zu spielen. Diesmal ist es Jago aus Shakespeares Drama “Othello” und es scheint, als würde mir Shakespeare mit dieser Rolle eine Antwort auf meine Fragen zuflüstern: “Ja, es gibt das Böse; aber es verführt uns nicht, wir entscheiden uns dazu!”

Bei Shakespeare klingt es freilich schöner – aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare wenn er die wahren Worte nicht aus dem Munde eines Bösewichtes kommen ließe. Jago sagt:

“In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.
Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner,
so daß, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen,
Tomaten aufziehn oder Thymian ausjäten,
ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen
oder mit mancherlei Gewächs aussaugen,
ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten
- das Vermögen dazu und die bessernde Macht
liegt durchaus in unserm freien Willen.
Hätte der Waagbalken unsres Lebens nicht eine Schale von Vernunft,
um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen,
so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe
uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen;
aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften,
die fleischlichen Triebe,
die zügellosen Lüste zu kühlen.”

Auch wenn es schwer fällt, einem Bösewicht zuzustimmen, aber: Ja, so ist es! Was auch immer einem Menschen widerfährt, welche ganz persönlichen Schicksalsschläge er auch immer zu verkraften hat, der Grund für alle seine Entscheidungen, mögen es nun gute oder schlechte sein, liegt einzig und allein in seinem freien Willen. Othello selbst ist ein gutes Beispiel dafür.

Obwohl Othello als afrikanischer Mann in der venezianischen Gesellschaft nur allzugut wissen sollte, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein und obwohl er die Ketten der Sklaverei zu spüren bekam, ist er selbst nicht frei von Intoleranz und Rassismus. Othello brüstet sich damit in Aleppo einen Türken erstochen zu haben und wenn sich seine Untergeben mal nicht nach seinem Sinne benehmen, dann ruft er abwertend: “Sind wir denn Türken?” Jammern aber kann Othello. Jedesmal, wenn ihm Unrecht geschieht, dann platzt es aus ihm raus: “Weil ich schwarz bin?”

Ja, Othello, weil Du schwarz bist, wirst Du schlecht behandelt und diskriminiert. Das ist schlimm, sehr schlimm. Dein Anderssein ist die Entschuldigung der Xenophoben und Rassisten für ihren Hass. Aber was ist Deine Entschuldigung, wenn Du einen Türken diskriminierst und tötest? Er ist Türke! Was ist Deine Entschuldigung, wenn Du Desdemona erstickst? Sie ist eine Frau!

Weißt Du, was Yoko Ono und John Lennon mal geschrieben haben? Natürlich nicht, sie waren noch nicht geboren, als Du tötetest, aber im Frühjahr 2012 wirst Du auf die Bühne des Metropol Theaters in Köln zurück kehren. Daher lass mich hier nun das Liebespaar zitieren: “Woman is the Nigger of the World!”

Othollo, Du bist zwar der Mohr von Venedig, aber Desdemona ist der Mohr der Welt. Und? Läßt sich Desdemona deshalb moralisch gehen? Nutzt sie ihr Schicksal und ihr Leid als Erklärungs- und Entschuldigungsmatrize für Zorn und Rache? Nein! Desdemona entscheidet sich trotz all ihrer Erfahrungen für das Gute! Shakespeare beschreibt die Tugend Desdemonas mit folgenden Worten und wieder einmal legt er sie dem Bösewicht Jago in den Mund:

“Die immer schön, doch nicht dem Stolz vertraut,
Von Zunge flink, doch niemals sprach zu laut;
Nicht arm an Gold, nie bunten Schmuck sich gönnte,
Den Wunsch erstickt und dennoch weiß: »ich könnte!«;
Die selbst im Zorn, wenn Rache nah zur Hand,
Die Kränkung trägt und ihren Groll verbannt;
Die nie von Überwitz sich läßt berauschen,
Für derben Salm den Gründling einzutauschen;
Sie, die viel denkt, die Neigung doch verschweigt,
Und keinen Blick dem Schwarm der Werber zeigt;
Die nennt’ ich gut, – wär’ sie nur aufzutreiben, –”

Burkhard Schmiester, obwohl kein Bösewicht sondern Regisseur der Kölner Inszenierung, in der ich die Ehre habe, den Jago zu spielen, beschreibt Desdemona wie folgt: “Desdemona ist liebenswert und sie will es sein, aller Welt gegenüber: aus der Heiterkeit ihres Temperaments heraus und aus dem internalisierten Anspruch auf Liebe. Empathisch hängt sie am Menschen, sie mag sich der Vitalität eines jeden Lebens hingeben. Und sie will Gutes erschaffen.”

Wie recht er hat. Desdemona will Gutes schaffen, obwohl sie Opfer des Sexismus’ ist. Othello jedoch schafft Schlechtes! So wenig aber wie Desdemona vom Sexismus zum Schlechten verführt wurde, wurde Othello durch den Rassismus zum Bösen verführt. Es gibt für seine Taten nur einen Grund: Er hat sich dazu entschieden – wenn auch in tobender Eifersucht – aber er hat sich entschieden; oder, um es mit den Worten Jagos zu sagen:

“In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.”

Erinnert sich noch jemand an Nojoud Ali? Vermutlich nicht!

Nojoud Ali ist eine Heldin in Kindergestalt! Sie wurde als Kind im Jemen zwangsverheiratet, entführt, mehrfach vergewaltigt und ausgebeutet. Das Leben dieses Mädchens wurde in unvorstellbarer Weise geschändet! Sie lebt noch heute in Armut und ist in ihrer Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Der Reisepass wurde ihr entzogen und eine Teilnahme am Women’s World Awards 2009, der ihr verliehen wurde, wurde ihr verwehrt. Die einzige Einkommensquelle der 19-köpfigen Familie Nojoud Alis ist die Bettelei.

Und, was macht Nojoud Ali? Zusammen mit der Rechtsanwältin Shada Nasser setzt sie sich dafür ein, dass Mädchen vor Zwangsheirat bewahrt werden.

Erinnert sich noch wer an Tim Kretschmer? Vermutlich schon.

Tim Kretschmer war Schüler an der Albertville-Realschule und schloß dort mit der Mittleren Reife ab. Sein Vater war Sportschütze und besaß 15. Im Alter von 17 Jahren wurde er als Amokläufer und Mörder von Winnenden bekannt.

Was immer als Erklärung für seine Tat herangeführt wird, eins kann nicht geleugnet werden: Nojoud Ali ist nicht Amok gelaufen! Das gleiche gilt für Othello. Was immer auch als Erklärung für seine Rache herangeführt werden mag, Desdemona hat nicht gemordet!

Und was ist Jago Entschuldigung? Jago, der Bösewicht, der Othello in die Eifersucht und Desdemona ins Verderben getrieben hat, erklärt sich selbst:

“Ich dien’ ihm, um mir’s einzubringen; wir können
Nicht alle Herrn sein, nicht kann jeder Herr
Getreue Diener haben. Seht Ihr doch
So manchen pflicht’gen, kniegebeugten Schuft,
Der, ganz verliebt in seine Sklavenfessel,
Ausharrt, recht wie die Esel seines Herrn,
Ums Heu, und wird im Alter fortgejagt. –
Peitscht mir solch redlich Volk! Dann gibt es andre,
Die, ausstaffiert mit Blick und Form der Demut,
Ein Herz bewahren, das nur sich bedenkt;
Die nur Scheindienste liefern ihren Obern,
Durch sie gedeihn und, wann ihr Pelz gefüttert,
Sich selbst Gebieter sind. Die Burschen haben Witz,
Und dieser Zunft zu folgen ist mein Stolz.”

Jago weiß, dass es keine andere Erklärung und Entschuldigung für menschliche Taten gibt, als der freie Wille. Jago fühlt sich seiner Karriere betrogen und rächt sich nun, ganz vernünftig, und ganz böse. Wenn man Othello etwas zu Gute halten will, dann, dass seine Vernunft vom Zorn benebelt wurde. Mit etwas gutem Willem kann Othello eine Unzurechnungsfähigkeit attestiert werden, aber Jago, der handelt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Er hat sich voll und ganz und bewußt für das Böse entschieden. Burkhard Schmiester schreibt:

“Durch Othello fühlt Jago sich zu Unrecht an seiner Karriere gehindert. Seine Wut darüber aber steht hinter der Taktik zurück, seine Emotion hinter der Strategie: sein Wille zur Rache gibt ihm die Motivation zu einem lustvoll-üppigen Spiel mit des anderen Wohl und Wehe – Jago ist ein leidenschaftlicher Ausbeuter auch misslichster Lebensumstände.”

Jago ist einfach ein faszinierender Bösewicht. Das Böse fasziniert. Leider. Leider. Und diesen Jago darf ich nun spielen. Ich freue mich drauf! Wir sehen uns im Metropol Theater.

“Ja, hier liegt’s, noch nicht entfaltet; die Bosheit wird durch Tat erst ganz gestaltet.”

Über severinsburgtheater

Janett Bobel Torsten Kai Botenbender Gerd Buurmann Burkhard Schmiester Antonio Ruiz Tamayo
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14 Antworten zu In uns selber liegt’s

  1. David Serebrjanik schreibt:

    Und was ist mit dem Jago selbst? Wer ist er? Was ist mit seiner Entscheidung fürs Böse?

    „Durch Othello fühlt Jago sich zu Unrecht an seiner Karriere gehindert. Seine Wut darüber aber steht hinter der Taktik zurück, seine Emotion hinter der Strategie: sein Wille zur Rache gibt ihm die Motivation zu einem lustvoll-üppigen Spiel mit des anderen Wohl und Wehe – Jago ist ein leidenschaftlicher Ausbeuter auch misslichster Lebensumstände.“

    In diesem Statement sehe ich die Bewunderung für Jago und Entschuldigung für ihn, da ja er, armer, an seiner “Karriere” gehindert wurde. Damit bin ich gar nicht einverstanden. Denn daraus würde folgen, dass jeder, der an seiner Karriere gehindert ist, intrigieren darf und Menschen das Unglück bringen. Was ist also mit dem Menschen Jago?

    • Lieber David,

      die Antwort ist ganz klar: Jagos behinderte Karriere ist seine Entschuldigung für seine Entscheidung, etwas sehr böses zu tun. Es ist absolut nicht gerechtfertigt, es ist keine Erklärung. It’s a cheap excuse! Natürlich hat niemand einen Anspruch darauf, Intrigen spannen zu dürfen. So wie Othello seine Hautfarbe zur Entschludigung seiner Tat heranführt, führt Jago seine Karriere als Entschuldigung für seine Taten an. Allerdings, Jago ist sich seiner Wahl deutlich bewusster als Othello; jedenfalls artikuliert er seine Entscheidung klar, im Gegensatz zu Othello. Dadurch wird Jagos Handeln natürlich noch perfider und seine Taten werden noch verabscheuungswürdiger.

      Fakt ist: Nichts, wirklich nichts, im Jetzt darf und kann mit dem Gestern entschuldigt werden. Beweis: Desdemona und Nojoud Ali! Es geht auch anders.

      Das Jetzt kann mit dem Gestern erklärt werden, aber auch nicht. Beweis: Desdemona und Nojoud Ali. Wie kann ich versuchen wollen, abscheuliche Taten von heute mit abscheulichen Erlebnissen von gestern zu erklären, wenn ich doch Beispiel dafür habe, dass es Menschen mit unvorstellbarer Vergangenheit gibt, die dennoch nicht zu Bösewichten geworden sind.

      Es ist schwer. Es ist ein Dilemma.

      Alles Liebe,
      gerd

      Danke Shakespeare, für den Gesprächsanstoß!

      • David Serebrjanik schreibt:

        Lieber Gerd,

        ich glaube, es ist nicht möglich, das Stück in unsere Zeit zu projizieren. Ich stimme dir komplett zu in deinen Ausführungen über das Jetzt und Gestern. Aber ich glaube nicht, dass Shakespeare es beabsichtigte, einen mahnenden Zeigefinger in Richtung Othello auszustrecken, sondern einen tiefen Mitgefühl über die Tragödie seines Helden empfunden hat. Würde sich Othello am Ende aus Verzweiflung darüber, was er getan hat nicht selber richten, sondern nach dem motto Shit Happens weitermachen, gäbe es überhaupt nichts darüber zu diskutieren. So aber ist er ein Mensch, nur ein Mensch der einen schlimmen Fehler begeht. Und das könnte jedem von uns passieren, weil wir alle nicht fehlerfrei sind. Und den Selbstmord Othellos kann man glaube ich auch nicht mit dem Selbstmord eines Amokläufers gleichsetzen. Der von Othello passiert aus Reue und Einsicht dessen, dass er in die Falle gelockt wurde. Ja, er war blöd, ja er war eifersüchtig, ja er war zum Kotzen. Aber böse wie Jago war er nie. Man darf die beiden glaube ich nicht auf die gleiche Anklagebank setzen.

        Beste Grüsse!

        DS

      • Lieber David,

        was Shakespeare uns damit sagen wollte, wenn er überhaupt uns (also mir und Dir) etwas sagen wollte, ist mir recht gleichgültig. Diese Frage kann eh nicht beantwortet werden. Shakespeare ist tot und seine Autorenschaft nicht mal gesichert ;-) Mich interessiert, was sagt uns das Stück! Das Stück kann gelesen und interpretiert werden. Auch und gerade heute. Jetzt wird es also im Jahre 2011/2012 vom Severins Burg Ensemble gespielt und interpretiert. Und wir sind Kinder unserer Zeit! Und spannend: Das Stück funktioniert heute. Sehr gut sogar. Es passt in die heutige Zeit. Ob Shakespeare dies gewollt, ist nebensächlich. Ob Shakespeare dies geschafft hat auch. Es funktioniert und wir reden darüber.

        Lass uns also weiter über das Stück schreiben und Shakespeare einen toten Mann sein lassen ;-)

        alles Liebe,
        gerd

        PS: Böse wie Jago ist Othello selbstverständlich nicht. Aber in der Kunst sind es extreme Auslegungen, die gewagt werden müssen. Der Alltag findet draußen statt ;-)

  2. David Serebrjanik schreibt:

    Ausserdem ist das: “aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften,
    die fleischlichen Triebe,
    die zügellosen Lüste zu kühlen.“ – ein Plädoyer für die Sexualunterdrückung. Also, würde heißen: Sex ist das Böse. Triebhaftigkeit ist das Böse. Das Gelüste des Fleisches ist das Böse. Mich erinnert es eher an die kirchlichen Moralpredigten.

    • Kein Plädoyer, würd ich sagen! Im Gegenteil. Genau hier, in der Unterdrückung der Lust, beginnt meiner Meinung nach, mit Jagos brutaler Verschiebung seiner Begierden auf die Vernunft, Jagos Bösartigkeit. Im Englischen sind folgende zwei Sätze identisch: “jemanden körperlich lieben” und “jemanden fertig machen” / Beides heißt im Englischen: “to fuck someone”. Da ist es: Jago fickt Menschen, aber nicht körperlich liebend, sondern geistig hassend. That’s Jago.

      Alles Liebe,
      gerd

  3. Burkhard schreibt:

    Jago ist nicht das Böse, das es einfach gibt, dieses Natur-Böse ist einfach eine Fabel, ist der Antichrist, der Werwolf oder ein Vampir. Jago ist böse oder er entscheidet sich für das Böse (das also jenseits von ihm und eine Alternative zu etwas anderem ist) aus „guten“ Gründen. Diese Gründe zu suchen ist Aufgabe Rolle, sie mit unserer Realität zu korrelieren, die der Regie.
    Das Motiv für eine umoralische Handung mag in der Erziehung liegen, in den Beschädigungen aufgrund der Konfrontationen, die in Gesellschaft geschehen, es ist aber nicht apriori und (wie die sich häufenden Intimizide aufgrund einer im Sosein defizitär sich entwickelnden Persönlichkeitsstruktur) so wenig von den Daseinsbedingungen loszulösen, wie dieses Dasein als Trigger für die Deformationen begriffen werden muss.

    • Lieber Burkhard,

      um Himmels Willen nein, Du hast natürlich vollkommen recht, Jago ist nicht das Böse. Er entscheidet sich für das Böse. Wäre Jago das Böse, also unfähig zum Guten, dann wäre es ja genau das Gegenteil von dem, was ich hier versuche die ganze Zeit zu erörtern. Ich möchte auf freien Willen hinaus und unbedingte Notwenigkeit für den freien Willen ist die Möglichkeit der Wahl! Ein Mensch, der nicht lügen kann, kann sich nicht mit freiem Willen für die Wahrheit entscheiden, er muss die Wahrheit sagen. Er kann nicht anders. Da ist dann keine Freiheit.

      Jago muss die Möglichkeit zum Guten haben, sonst wäre er nicht frei. Erklärungen muss es also geben. Du hast sogar recht, wenn Du folgendes schreibst: “Das Motiv für eine umoralische Handung mag in der Erziehung liegen, in den Beschädigungen aufgrund der Konfrontationen, die in Gesellschaft geschehen, es ist aber nicht apriori und (wie die sich häufenden Intimizide aufgrund einer im Sosein defizitär sich entwickelnden Persönlichkeitsstruktur) so wenig von den Daseinsbedingungen loszulösen, wie dieses Dasein als Trigger für die Deformationen begriffen werden muss.”

      Ja, es gibt eine Menge Erkläungen für Jagos Handeln, aber, und das ist für mich das Spannende, Jago gibt diese Gründe selber an. Er sagt, die Behinderung seiner Karriere, die Untreue seiner Frau und sein Neid auf Othello bringen ihn dazu, sich für das Böse zu entscheiden. Nun frage ich mich, ganz hypothetisch, ist es möglich, dass Jago uns genauso täuscht wie er Othello und Desdemona täuscht? Mit anderen Wortenh: Gibt er uns vielleicht genau das, was wir hören möchten? Führt er auch uns an der Nase herum, schön wie den Esel um das Heu seines Herrn?

      Damit negiere ich nicht die Erklärungen selbst. Wenn wir nicht mehr in den logischen Kategorien der Ursache und Wirkung denken, können wir uns gleich einsargen lassen; aber oft versuchen wir uns die Furcht vor Menschen, die abgrundtief böse Dinge tun, dadurch zu nehmen, dass wir behaupten, sie verstehen zu können, sie erklären zu können. Nur manchmal sind unsere Erklärungen leider nichts anderes als ein verzweifelter Versuch, dem Bösen Ketten anzulegen. Manchmal geben wir uns nur allzu schnell mit leichten Erklärungen ab, weil wir hoffen, so Macht über jene Menschen zu bekommen, vor denen wir eine verfluchte und abgrundtiefe Angst haben.

      Was also, wenn Jago uns allen genau hier einen Schritt voraus ist? Was, wenn er uns mit seinen Erklärungen genau das gibt, was wir hören wollen, nur damit er umso ungehemmter handeln kann? Mit Othello macht er es so, mit Desdemona und Cassio ebenfalls. Warum sollte er es also nicht auch mit uns tun?

      Diese Möglichkeit möchte ich selbstverständlich nicht als Tatsache verstanden wissen, nur als Möglichkeit, als Ahnung, als Furcht, als Rumor, der unaufhörlich an uns nagt.

      Mit anderen Erklärungen: Natürlich gibt es Erklärungen für Jagos Handeln! Allerdings liefert uns Jago selbst die Erklärungen für sein Handeln. Warum sollten wir ihm vertrauen?

      Jago ist ein verflucht komplexer Charakter. Er ist ein Mensch! Er ist nicht das Böse. Zu jeder Zeit hat er den freien Willen, sich für das Gute zu entscheiden. Er macht es nicht. Warum? Warum? Ja, die Frage muss gestellt werden. Eine Antwort muss gesucht werden, aber soviel kann ich versprechen: Keine Antwort wird so schlüssig sein, dass nicht ein Zweifel zurück bleiben wird. Mit Jago hat Shakespeare einen Bösewicht geschaffen, an dem noch Generationen verzweifeln werden. Das macht seine Faszination aus und das ist auch der Grund, warum wir ihn heute, im 21. Jahrhundert noch spielen.

      Wir müssen also weiter fragen: Warum? Erklärungen gibt es! Aber den Zweifel eben auch!

      Alles Liebe,
      Gerd

  4. Burkhard schreibt:

    Wenn man einen Klassiker inszenieren will, muss man sich entscheiden, was Werktreue ist:
    1. Die tradierte Wiederaufbereitung des Textes in einem der reaktionären Literaturwissenschaft verpflichteten positivistischen Sinn, oder
    2. die der Aktualität verpflichtete Erarbeitung des Textes im Sinne der Intention des Autors.

    Im Fall der lediglich musealen Präsenz eines Dramas sitzen nur noch Oma und Opa im Parkett und freue sich über etwas, was sie als Kind schon so gehen haben. Im zweiten Fall schimmert durch die Poesie des alten Stoffes unsere Zeit, die sich in dem Althergebrachten spiegelt und dem Klassiker den einzig möglichen Sinn gibt.

  5. Pingback: Wer ist Jago? | severinsburgtheater

  6. Pingback: Wer kommt denn alles? | Tapfer im Nirgendwo

  7. David Serebrjanik schreibt:

    Georg Kreisler: Theater ist schwerer, als man denkt

    Manchmal muss man auch das Unvermeidliche, das Hartnäckige bekämpfen. Elias Canetti wollte den Tod abschaffen. Attac wehrt sich gegen die Globalisierung. Und ich kämpfe gegen das sogenannte Regietheater. Natürlich wird die Globalisierung, also das kapitalistische System, eines Tages verschwinden, und die Leute von Attac werden sich vielleicht einreden, dass sie mitgeholfen haben. Es wird ganz sicher wesentlich länger dauern, bis der Tod verschwindet, und ganz verschwinden dürfte er nie, höchstens das Sterben wird sich ändern – immerhin!

    Was das Regietheater betrifft, so ist es ohne Zweifel eine der miesesten Modeerscheinungen, die schon viel zu lange dauern, und wie alle Modeerscheinungen wird auch diese eines Tages umkippen, ob ich nun dagegen wüte oder nicht. Nur: Wie soll man mit halbwegs gutem Gewissen leben, wenn man Ungerechtigkeiten einfach hinnimmt und sie für unvermeidlich erklärt? Das können nur Politiker. Politiker wehren sich gegen das Volk, sonst gegen nichts.

    Nun war es ja bisher meistens so, dass die ältere Generation Kriege, Wirtschaftskrisen und dergleichen anzettelte und dadurch der jüngeren Generation das Leben erschwerte. Was aber das Regietheater betrifft, ist es umgekehrt. Hier macht die jüngere Generation ihrer eigenen jüngeren Generation das Leben schwer.
    Die ältere Generation hat sich zu einem großen Teil das Theater einfach abgewöhnt. Das erschwert ihr Leben nicht. Es macht sie aber ärmer, aber es gibt Ersatz, es ist erträglich. Und es gibt auch ältere Jungregisseure, die die Dummheiten der jüngeren mitmachen. Wohin das führt, sieht man, zum Beispiel, am letzten Interview des Peter Zadek, in dem er den Zweiten Weltkrieg für überflüssig erklärt. Man hätte mit Hitler auch verhandeln können, meinte er. So ähnlich verfährt das Regietheater: Man hätte Shakespeare auch anders schreiben können.

    Man missverstehe mich nicht! Nichts gegen modernes Theater, das von modernen, also zeitgenössischen Autoren geschrieben wird! Sie sollen, sie können, sie müssen ein neues Theater schaffen, das unserer Zeit entspricht. Und sie sollen, sie müssen aufgeführt werden. Aber die Jungregisseure schaffen ja nichts Neues. Sie zerstören nur. Sie nehmen ein fertiges Stück, womöglich eines, das sich hundert Jahre oder länger bewährt hat, und zerstören es. Sie zerstören es für ihre eigene Generation, das ist vielleicht das Schlimmste. Sie gestatten einem jungen Menschen nicht mehr, Goethe, Schiller, Shakespeare, Ibsen zu erleben. Sie gestatten ihnen nicht mehr zu erleben, was Mozart, Verdi, Beethoven vertonten.

    Auch der mir persönlich unsympathische, weil deutschtümelnde Richard Wagner wird, ohne mit der Wimper zu zucken, in ein Umfeld verlegt, in das seine Musik schon gar nicht passt. In der Oper ist diese Methode vielleicht am auffälligsten, denn die Musik bleibt ja, nur der Komponist wird mit Füßen getreten, kaputt gemacht, eine Dummheit, ja ein kulturelles Vergehen ohnegleichen.
    Mozarts Musik zur „Entführung aus dem Serail“, die in unzähligen kleinen Facetten den Kulturkampf zwischen Orient und Okzident aufzeigt – ein Thema, das doch gerade heute hochaktuell ist – wird missbraucht, um bei den Salzburger Festspielen (das auch noch!) ein ziemlich schlechtes Revuetheater auf die Bühne zu stellen, das mit obigem brandaktuellen Thema nichts mehr zu tun hat.

    Die Amerikaner, die im allgemeinen hervorragendes Revuetheater machen, hätten sich das nicht getraut. Die hätten zu viel Respekt vor Mozart. Überhaupt wird Respektlosigkeit gerne mit Modernität verwechselt. Verdi hat nicht gewusst, warum er Shakespeares „Falstaff“ vertonte, aber ich weiß es, sagt der deutsche Jungregisseur und verlegt das Stück in ein modernes Altersheim, wo dann weder der Text noch die Musik stimmen. Mozart und Beaumarchais haben nicht gewusst, warum sie im „Figaro“ die Herrschaft des Adels anprangerten, aber ich weiß es, sagt der Altjungregisseur Marthaler und verlegt das Ganze in ein Standesamt ohne Adel, ohne Bürger, nur mit Klamotte. Sie trauen also ihrer eigenen Generation nicht zu, aus den Klassikern ihre Schlüsse zu ziehen, lieber machen sie belangloses Kabarett, das man gequält belachen und sofort wieder vergessen kann.

    Ich bringe hier Beispiele aus der Oper, aber es ist im Sprechtheater kein bisschen anders. Die junge Generation wird um Schlüsselerlebnisse betrogen, mit der Ausrede, dass alles andere veraltet wäre. Seltsamerweise sind Mozarts Symphonien nicht veraltet, sie werden so gespielt, wie er sie geschrieben hat, seltsamerweise „modernisiert“ niemand Picasso oder Michelangelo oder Tolstoj, Heinreich Heine wird nicht umgeschrieben, Beethoven nicht verjazzt, Rembrandt nicht verkehrt aufgehängt oder teilweise übermalt.
    Nur das Theater glaubt zu verbessern, indem man die Autoren frikassiert und durch stupide (und meist teure) Regieeinfälle ersetzt. Und noch seltsamer ist es, dass kaum jemand aufmuckt. Die Kritiker, deren vorrangige Aufgabe das wäre, scheinen schreckliche Angst zu haben, als unmodern zu gelten. Immer wieder kann man zwischen den Zeilen lesen, dass es einem unserer an und für sich unmaßgeblichen Kritiker nicht gefallen hat und dass er trotzdem alles lobt. Meistens erfindet er dann irgendeine verquaste Theorie und will uns einreden, dass seine Theorie auch dem betreffenden Jungregisseur vorgeschwebt hat. Denn irgendeinen Grund muss er ja finden, warum er die ihm missfallenden Inszenierungen trotzdem für legitim hält.

    Für die jüngere Generation ist das Theater nun einfach uninteressant geworden, sie orientieren sich an Besserem. Dabei gibt es keinen Grund, warum sie keine begeisterten Theaterbesucher sein sollten, wie es bei früheren Generationen der Fall war, außer eben, dass ihnen das heutige Theater nichts sagt. Das ist nicht ihre Schuld, sondern einzig und allein die Schuld des Regietheaters, das am Anspruch der Jugend scheitert.
    Der älteren Generation, wie wahrscheinlich auch mir nach diesem Artikel, wird einfach vorgeworfen, dass sie die heutige Zeit nicht versteht, ein Vorwurf, der an der Sache vorbeigeht. Kunst, die nicht verstanden wird, hat ihren Zweck verfehlt, und gerade das Theater hat die Aufgabe, vom Publikum verstanden zu werden und den Menschen beim Denken zu helfen, egal wie alt sie sind.

    Und natürlich kann man Theater oder Oper nicht mehr so spielen, wie man sie vor fünfzig Jahren gespielt hat. Auch ich sehne mich nicht nach altmodischem Theater. Aber modernisieren heißt nicht zertrampeln. Modernisieren, um es hier kurz zu sagen, bedeutet, das Alte so zu spielen, dass es dem Publikum wie neu vorkommt.
    Dass das deutsche Theater an Publikumsschwund leidet, ist ein Hoffnungsstrahl, dass daraus Konsequenzen gezogen werden müssten, leider noch keine Selbstverständlichkeit. Nach wie vor gehen Kulturpolitiker, Intendanten und Kritiker den dilettantischen Jung- oder auch Altregisseuren auf den angenehmen Leim. Die Subventionen fließen weiter, und nicht mal der greise Wolfgang Wagner gibt ihnen zu denken, wenn er versucht, sich anzupassen. Ich und andere warten auf Irgendwann.

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